Maßnahme

Montag. Nach sechs Stunden Unterricht fällt die Tasche mit dem schweren Ordner auf den Stuhl der kleinen Pizzeria in der Querstraße, ich plumpse auf den Stuhl daneben. Mein Geist fühlt sich wie ein verknautschtes Papierknäuel an, das sich unter leisem Knistern langsam wieder entfaltet. Alle Gedanken, am Vormittag über- und ineinander geknetet, glätten sich. Muster treten hervor. Unwichtiges trennt sich von Wichtigem. Sind wir denn die Deppen? Die Rechtsradikalen? Die AfD wählen, weil dumme Ossis? Fragt Tanja, und die anderen nicken. Ich wähle die nicht. Die haben ja kein glaubwürdiges Personal, sagt Bernd. Aber wie wir in den Medien dargestellt

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Heimat mal wieder

Freitag, Kamen. Was ist für dich Heimat, fragt A heute Morgen. Den Abend davor war Klassentreffen. Wir haben uns wohlgfühlt, vertraut, akzeptiert. Wir sind in einem Alter, in dem wir den anderen nehmen können, wie er ist. Oha, sage ich, das habe ich mir schon so oft überlegt. Kamen vielleicht? Na klar Kamen. Obwohl ich seit meinem 15. LJ nicht mehr hier wohne, weil mit 15 von zuhause ausgezogen, nach Essen-Werden zu einer anderen Familie, aber das ist wieder ein anderes Thema. Ich kenne mich hier aus. Die Leute sind offen und direkt, erzählen einem frei von der Leber weg,

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Next

Mittwoch. Das Manuskript liegt auf Schreibtischen, wird gelesen oder auch nicht, die Verlage lassen sich Zeit oder sie haben keinen Mut. Und wenn das Buch erschienen ist, was ich inständig hoffe, werde ich schon an einem neuen MS arbeiten. Ohne rechts und links zu schauen, fokussiert, weil es das ist, was ich am besten kann. Ich knie ja längst drin, in der neuen Thematik, selbstgestellt, eigene Erwartungen zu erfüllen. Heute Abend auf einen Drink mit M. und U. im Berghotel mit Blick auf die Wartburg in der Abendsonne. M: Kommt ein Pferd in den Blumenladen und fragt: Hamse Mageriten? Morgen

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Selbsterkenntnis

Sonntag. Auf der Gartenparty zum Geburtstag von S. sind Leute, die es selbstverständlich finden, dass wir auch da sind, PM und ich, und wir finden das inzwischen auch. Wie S. aus der alten Villa herauskommt, Schüsseln in den Händen, freundlich wie immer: schön, dass ihr gekommen seid, das ist ein gutes Gefühl. Vielleicht arbeiten wir bald zusammen. Es gibt da so ein Projekt, und ich stelle es schon bei verschiedenen Schularten vor, erzähle von kultureller Beteiligung und Selbstwirksamkeit und davon, dass man im Schreiben immer auch etwas über sich selbst erfährt. Erschreckt sieht eine auf. Eine andere ist ins Handy

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Nirgends überall

Samstag. Im Mongolischen gibt es kein Wort für bitte, und die Mongolen lieben Deutschland. Bei Fußballweltmeisterschaften fiebern sie für die deutsche Nationalmannschaft – wer weiß denn so was? Viele Ältere sind zur Ausbildung in der DDR gewesen, ihr Deutschlandbild ist ungebrochen positiv besetzt. Erzählen uns B. und M., mit denen wir auf der Terrasse grillen, bis plötzlich das Tischtuch wegstiebt und Regen vom Himmel fällt. Wir gehen rein und hören Geschichten aus einem sehr fernen Land, aus dem B. kommt und in dem M. für mehrere Jahre gearbeitet hat, bis es sie wegen einer neue Stelle nach Thüringen verschlagen hat.

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Einfangen

Mittwoch. So redet doch niemand, sagt M. und schiebt die Kurzgeschichte von Hohler verächtlich beiseite. Na ja, sage ich, das ist Literatur und kein TicToc-Speach. Wir lesen ja eher keine ganzen Bücher, sagt die zierliche J., die uns vorher anschaulich von ihrem ersten Vollsuff gemeinsam mit ihrer Mutter berichtet hat. Begleitetes Trinken, kennen Sie nicht?, schiebt sie nach, als ich etwas konsterniert aus der Wäsche gucke. Schade, finde ich, es gibt so schöne. Welche denn, fragt M. So wie er mich ansieht, meint er es ernst. Es ist nicht so, dass ich gleich ein paar Titel aus dem Bildungskanon raushaue,

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Gute Momente

Samstag. Was für ein wunderschöner Abend in der Buchhandlung „Buchgeschwister“ in Bad Langensalza. Der wirkt nach, und jetzt scheint auch noch die Sonne und lockt uns auf die Balkonliegen – was für ein Luxus. Lesung ausverkauft! Tolles, interessiertes Publikum, kluge Fragen, gute anschließende Gespräche – genauso wünscht man es sich. Was wirklich zählt – 18 Mal Hoffnung in Krisenzeiten wurde fleißig gekauft. Aber auch Junge Texte aus Eisenach bekam viel Aufmerksamkeit und wurde ebenfalls mitgenommen. Das Interesse an Kultur scheint groß. Die Buchhandlung befindet sich in einem über 600 Jahre alten Haus, hochwertig restauriert wie die gesamte Altstadt, und strahlt

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Nehmen was kommt

Mittwoch. Neueste politische Floskel: Erwartungsmanagement. Meine Zugverbindung hat mal wieder nicht geklappt, 2 1/2 Stunden Verspätung wg. zwei ausgefallenen Zügen und einem Zug mit technischer Störung. Hektisches Absuchen der Bahn-App nach Alternativen, da sagt der Typ neben mir: Man muss nehmen, was kommt. Oh? So kann man das auch sehen. Es geht gar nicht um die Bahn, sondern um so was wie Sportsgeist. Wer sich ärgert, ist selbst schuld. Das Erwartungsmanagement der Deutschen Bahn greift voll in mein Mindset. Ein riesiger Kundenstamm, der nicht erwartet, dass der Zug pünktlich kommt, dass überhaupt einer kommt, der das Warten nicht als Zeitverschwendung,

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Klar und schmerzvoll

Mittwoch, Tübingen. Die hysterische Fixierung auf den Gaza-Konflikt und die absurd einseitige Positionierung auf die Seite der Terroristen / Palästinenser, die nebenbei auf der ganzen Welt Brandherde verursachen, zeigen besonders in Europa ein Phänomen: Neuerdings wird der latent schlummernde Antisemitismus (warum auch immer???) verbrämt hinter dem Schlagwort „Antizionismus“. Als sei das Umlabeln die Legitimation für den überall wieder hervorkriechenden Judenhass – vielleicht, um das Bewusstsein um den Holocaust und das nachhaltig schlechte Gewissen der Deutschen endlich und endgültig abzuwerfen, so à la „Die Juden sind selbst schuld“? Mir macht das Angst. Eine traurige, sehr pessimistische Analyse liefert Prof. Michael Wolffsohn

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